Kariert oder liniert

Bisher unveröffentlicht

 

Es ist dunkel im Zimmer. Ich liege im Bett und schaue den Rolläden zu, die in sich wiederholenden lichtgepunkteten Schlachtreihen gegen die helle Sonne kämpfen. Leise sickert Musik durch die Mauern. Es sind nicht mehr die Mauern meiner Eltern, es sind Mauern in einem fremden Haus, in einer kleinen Dachwohnung, irgendwo. Über meinen Augen eine Dachschräge, die hinunterführt in die Welt der anderen. Ich denke an ein Mädchen, mit dem ich vor ein paar Wochen eine Nacht verbracht habe. Eine einzige Nacht, irgendwo. Ich habe ihr einen kurzen Brief geschrieben. Ich habe ihr einen langen Brief geschrieben. Ich habe ihr mein Leben geschrieben. Wenn ich an sie denke, laufen die Hormone unter meiner Haut Amok. Sie hat nicht geschrieben. Schließlich habe ich ihr einen leeren Brief geschrieben. Eine weiße Seite, DIN A4, blütenweiß, 80 Gramm pro Quadratmeter. Ich denke an ein anderes Mädchen.
Die Schräge hinunter in das Dorf, in dem ich gestrandet bin. Sie arbeitet dort im Laden. Ich kaufe dort Papierseiten, DIN A4, blütenweiß. Sie hat traurige, schwarze Augen. Alles, nur um eine Nacht mit ihr zu verbringen. Alles, um eine andere Nacht zu verstehen, vor ein paar Wochen, irgendwo. Hineingehen, in ihren Laden, mit ihr sprechen, verplappern, verlieben. Kinderspiele. Ich wäre jetzt im Laden. Du müßtest Einkaufen kommen. Guten Tag, was wünschen die Dame? Nein, erwachsener. Was suchst Du? Du würdest etwas von mir wollen, aber du wüßtest es nicht. Ich weiß nicht, was ich suche.
Die Dachschräge hinunter und hinauf denke ich eine Geschichte, erdenke ich eine Geschichte. Bedeutung suchen, bedeutend sein. Du nimmst Dir Dein Leben, wegen mir. Nein, nicht gut. Du nimmst Dein Leben, nicht meinetwegen. Auch nicht gut. Meinetwegen nimm Dir Dein Leben, aber warum? Wenn Du Dein Leben nimmst, brauchst Du einen Namen. Nenne Dich Maria. Du wirst sehr schnell sterben, Maria. Auf Seite neun schon. Aber das weiß ich noch nicht. Ich weiß nicht, was ich suche, aber ich muß los, weiter hinein in diese Geschichte im dunklen Raum, fremde Mauern, hinter Lichtpunktlinien, unter der Schräge. Auch ich habe einen Namen. Wie die Pinien am Rande der geschwungenen Straße habe auch ich einen Namen. Jürgen. Musik sickert durch die Mauern. Jürgen und Maria. Schon hinter Seite neun und ich bin noch am Leben. Aber das weiß ich noch nicht. Zum ersten Mal auf Entdeckungsfahrt. Und plötzlich entdeckt, daß ich entdecken kann. Das ist mehr als erwartet. Hinunter die Schräge, ins Licht, in den Laden. Einen Block, einen dicken Block. Liniert oder kariert? Dich und liniert, ich will ein Buch schreiben. Du lachst. Heißt du Maria, trauriges, schwarzes Auge? Elfriede, sagst du, in einer hohlen, dummen Stimme. Zurück unter die Schräge, keine Elfriede soll meine Maria zerstören. Wenn sie sterben muß, soll ihr Tod einen Sinn haben. Für mich. Stirb, meinetwegen, aber stirb auf den Linien meiner Seite Neun. Die hohle Elfriede vergessen. Der Anfang ist das Schwerste, aber auch das weiß ich noch nicht. Nur Linien, Linien, Linien, Linien. Schaue hin und her zwischen Papierlinien und Lichtpunktlinien. Dann lasse ich das Licht herein. Am Anfang das Licht. Dann atme ich, Linien, ich fürchte mich. Etwas Großes, Bedeutendes, zwischen Linien. Entdecker sein, Erschaffer sein. Erschaffer von Leben und Tod. Mächtig sein. Kurz schreiben, lang schreiben, Leben schreiben, Antwort bekommen. Atmen, anfangen, Linien besiegen. Tut mir leid, Maria, daß du sterben mußt, noch heute. Anfangen, anfangen, endlich anfangen.

Und dann, endlich, schreibe ich: Ich versuche mich jetzt oft zu erinnern, wie alles angefangen hat...
Ich schreibe, bis kein Licht mehr ist, schreibe bis Seite neun, bis du sterben mußtest, Maria.

Und später, Jahre später, schreibe ich: Im Grunde hatte ich doch von nichts eine Ahnung...
Und Jahre später noch einmal: Daniel hatte dem Wind Namen gegeben...
Und noch später: Wenn das so weitergeht, kann ich ja gleich wieder aufhören...
Und dann: Man kann sich ein Zuhause suchen, kann es planen, aufbauen, in Besitz nehmen, oder man kann warten, bis es einem zuläuft, wie ein kleiner, schwarzer, heimatloser Hund...
Und jetzt: Ich wollte diese Welt nicht verändern. Wenn ich es trotzdem getan habe, tut es mir leid.

Entdecker sein, Erschaffer sein, bedeutend sein und wissen, der Anfang ist das Schwerste.


Im Februar 1996, in Erinnerung an einen Nachmittag im Sommer 1976, irgendwo.
 

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