Der Ring

aus:
24.12. - aber pünktlich” von Reinhold Ziegler
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
 

Willy B. Hero wachte in seiner Hotelsuite auf. Es war kurz nach elf. Er war um fünf Uhr morgens in sein Zimmer gekommen, also hatte er immerhin rund sechs Stunden geschlafen, das war okay. Er schlief schlecht in letzter Zeit. Sechs Stunden waren das Minimum, wenn es kürzer war, musste er was nehmen, sonst hielt er die Show auf der Bühne nicht durch.
„Ich hasse Tourneen!“, sagte er laut zu sich selbst, nur um sicher zu sein, dass er über Nacht die Stimme nicht verloren hatte.
„Was?“, fragte jemand.
Willy B. setzte sich erschrocken auf. In der anderen Ecke das Raumes lümmelte Mike, wie immer mit schwarzem Anzug und Sonnenbrille im großen Sessel.
„Shit-ay“, brummte Willy B.. „Kann ich nicht wenigstens alleine sein, wenn ich schlafe?“
„Sorry, Boss, aber ich sollte dich um elf wecken! Du wolltest noch was für deinen Darling zu Weihnachten besorgen.“
„Shit-ay!“, sagte Willy B. noch einmal. Er konnte sich an nichts erinnern. In seinem Kopf dröhnte die Mischung einer viel zu lauten PA, Alkohol und allerlei anderer Sachen, an die er sich ebenfalls nicht mehr konkret erinnerte.
„Lass mich allein!“, brummte er unwirsch zu Mike, der sich schon erhoben hatte.
„Okay, ich geh wieder runter“, sagte der. „Bernie ist alleine unten und die Folks sind seit gestern Nacht echt special drauf. Der kann nicht alle Türen im Blick halten!“
„Geh schon!“, sagte Willy B..
Er brauchte noch eine Weile, bis er das Bett verlassen konnte, dann schlurfte er müde zum Fenster. Fünf Stockwerke tiefer vor dem Hoteleingang standen so an die hundert Fans und versuchten irgendwie reinzukommen. Willy B. zog sich einen Morgenmantel über, öffnete vorsichtig die Tür des kleinen Balkons und trat in die kalte, feuchte Winterluft hinaus. Es dauerte ein paar Sekunden bis irgend jemand ihn dort oben entdeckte, dann wurde gefuchtelt, nach oben gezeigt, gerufen. Willy B. winkte kurz zurück, die Meute begann zu kreischen.
„Merry Christmas!“, schrie Willy B. hinunter, dann trat er wieder zurück in sein Zimmer, schloss die Tür und zog die Gardine vor. Er hob das Telefon ab, wartete bis sich jemand meldete und verlangte ein Frühstück aufs Zimmer.
„Was dürfen wir Ihnen bringen, Mr. Hero?“, fragte eine sehr freundliche, zurückhaltende Stimme.
„Shit-ay, irgendwas, was man essen kann!“, rief er in den Hörer und legte auf.
Baldrock musste verrückt sein. Legte ihm ein Konzert auf den Fünfundzwanzigsten. Der glaubte an keinen Gott und kein Weihnachten, nur an sein Scheißgeld, dabei gab’s diesmal gar keins. Benefizkonzert, die beste PR überhaupt, bringt viel mehr als Cash, hatte er behauptet. Willy hatte Lust ihn anzurufen und ihm vorzuschlagen, sich seinen Benefizmist irgendwohin zu schieben. Er hatte den Hörer schon in der Hand, dann legte er wieder auf. Er kannte die Platte. „Cool down, Baby B.“, würde er zu hören bekommen. „Beiß nicht die Hand, die dich füttert, ja! Du machst die Songs, ich verkaufe sie, so läuft das Geschäft, das weißt du, B., das weißt du!“ Und sie würden sich eine Weile streiten, eine halbe Stunde hin und her, Gebrüll, Zorn und Beschwichtigung. Und am Schluss würde er irgendwas hören wie: „Du bist doch der größte Rocker on Earth, Baby B.“, und er würde irgendetwas antworten wie: „Und du der größte Scheiß-Manager unter dieser Sonne, Baldrock.“ Und sie wären sich wieder einig, friedlich geeint im Geldregen, der jetzt schon seit mehr als zwei Jahren auf sie herabprasselte.
Als er aus der Dusche kam, klopfte es an der Tür.
„Who?“, schrie er.
„Room service, your breakfast, sir!“
“Come in!”
Das automatische Schloss klickte und ein mittelalterlicher Typ schob einen Servierwagen voller bunter, frischer Frühstückssachen herein, genug um ein Dutzend von Willy B.s Sorte zu füttern. Einen ganzen Korb verschiedener Brot- und Brötchen-Sorten, einen riesigen Obstteller mit vertrauten und exotischen Früchten, hundert Sorten Marmelade, Honig, Wurst, Käse, tausend verschiedene Säfte, Müslis.
„Tea or Coffee, sir?“, fragte der Zimmerkellner, aber B. schickte ihn mit einer unfreundlichen Bewegung der Hand hinaus.
Baldrock hatte zum Ende der Tournee  ausgerechnet an Weihnachten dieses verdammte Benefiz zugesagt. Für irgendwelche schwarzen Kindchen in Afrika sollte er spielen und nun hing er seit dem gestrigen Konzert über die Feiertage in Europa in diesem verdammten Hotel fest. Keine Chance dazwischen nach Hause zu kommen, selbst mit der Concorde hätte er zwischen Hin- und Rückflug kaum zwei Stunden mit Natalie gehabt, das hätte gerade mal gereicht für einen kurzen …
„Shit-ay!“, sagt er laut, um seine Gedanke zu unterbrechen, so war’s eben nun, was soll’s. Er nahm sich eine Mandarine und schälte sie ungeschickt, goss sich eine Tasse Kaffee ein. Den ersten Schluck hätte er fast ins Zimmer gespuckt. Zu heiß, zu dünn. Er ging zum Telefon, wartete nicht, bis sich die freundliche Stimme unten gemeldet hatte, sondern brüllte, kaum, dass jemand abgehoben hatte: „Gibt’s hier keinen verdammten Kaffee, von dem man wach wird?“ in den Hörer, dann legte er auf.
Zwei Minuten später klopfte der Zimmerkellner, brachte lächelnd eine ganze Kanne Espresso, der so schwarz war wie Willys Stimmung.
„We’re extremely sorry!“, meinte der Kellner devot.
Plötzlich tat er Willy B. leid. „No problem!“, sagte er deswegen versöhnlich, bat ihn, einen Augenblick zu bleiben, nahm von der Anrichte ein Päckchen mit Back-stage-Pässen für das Konzert.
„Können Sie so was brauchen?“, fragte er und hielt ihm zwei Karten hin, „aber es ist schon morgen, an Weihnachten!“
Ein Leuchten ging über das Gesicht des Mannes. „O Gott“, sagte er, „meine Tochter würde mich dafür lieben bis ans Ende aller Zeiten!"
„Reichen zwei?“, fragte Willy B.. Der Mann nickte, nahm sie, bedankte sich immer wieder, ging zur Tür. Dort nahm er noch einmal seinen ganzen Mut zusammen, drehte sich wieder um, trat noch mal auf den Rockstar zu und fragte: „Würden Sie ein Autogramm draufschreiben, Sir?“ Willy B. suchte nach einem Stift, aber der Kellner hielt ihm schon einen entgegen. Also zeichnete er mit zittriger Morgenschrift seinen Namen auf die beiden Karten.
„No problem!“, erwiderte er auf die tausend Dankbezeugungen des Kellners und drehte sich von ihm weg, damit der endlich ginge.
Was sollte er mit diesem verdammten Tag tun? Und was könnte er Natalie mitbringen, was sie nicht sowieso schon hatte? Seine Musiker in den anderen Zimmern schliefen bestimmt noch, jetzt, und auch in zwei Stunden noch. Unschlüssig lief er in seiner Suite auf und ab, schaltete den TV ein, zappte durch alle Kanäle, aber die Sender, deren Sprache er verstand, brachten nur Nachrichten. Scheußliche Nachrichten aus aller Welt, wo an diesem Weihnachtsvortag alles durcheinander war, ein einziges, mistiges, aggressives Durcheinander, für das er sich nicht interessieren wollte.
Er nahm sich eine seiner Gitarren, machte ein paar Fingerübungen, spielte einen der Songs an, dann stellte er sie wieder weg. Seit er dauernd auf der Bühne und im Studio stand, machte ihm selbst das Spielen keinen Spaß mehr. Längst vorbei die endlosen Wochenenden, an denen er allein und voller Hoffnung die Songs der großen Stars geübt hatte. An denen er sich Chord für Chord rangetastet, sich die Riffs aus diesen ganzen Stücken zusammengeklaubt hatte, sich Jungs gesucht hatte für seine erste Band, alles nachgespielt, was nachspielbar war. Dann hatte er angefangen selber Songs zu schreiben. Einfach Liedchen zuerst, später immer kompliziertere, Texte von Sehnsucht und Mädchen und Einsamkeit. Probeaufnahmen, Gigs auf kleinen Bühnen, daneben gejobbt, Taxi gefahren, Pizzas geliefert, in Kneipen bedient und in jeder freien Minute die Gitarre gezupft. Bis plötzlich dieser Mr. Baldrock vor ihm gestanden hatte. Der holte ihn von Oklahoma nach Kalifornien, warf alle seine Kumpels aus der Band, besetzte sie mit anderen Leuten, die besser waren, Profis. „You will be a hero, William Herold!“, versprach er ihm und gab ihm den Namen Willy B. Hero. Er ließ ihn eine erste CD mit seinen eigenen Songs einspielen, und das war’s.
Drei Monate später spielte Willy B. das erste Mal vor über zehntausend Menschen und mit jedem Gig wurden es mehr. Massen von vor und zurück wippenden Köpfen, tausende von hochgereckten hin und her federnden Armen, vorne an der Bühne einzelne Gesichter, ganz junge Mädchen meist. Hinten, im grellen Gegenlicht der Bühnenscheinwerfer, nur noch ein schäumender, bunter Brei. Manchmal, zwischen den Songs, schalteten sie die Bühne dunkel, dann sah er Transparente, auf denen stand: Willy B. forever, I love you, oder Willy B., ich will ein Kind von dir.
Und im großen, schicken Haus in Kalifornien Natalie, irgendwie übrig geblieben aus einer Zeit davor, von der er sich, mit jeder fremden Haut, die er berührte, mehr und mehr entfernte.
Er ging wieder zum Fenster, sah durch die Gardine. Inzwischen hatte sich die Menge dort unten gut verdoppelt. Er könnte sich von Mike eines der Mäuschen hochbringen lassen, aber dann schüttelte er den Kopf bei diesem Gedanken. Irgendwie taten sie ihm Leid, alle. Er selbst tat sich Leid. Etwas fehlte. Etwas, das er früher in seine Songs hineinschreiben konnte, heraus-brüllen konnte, kleine Tränen, die auf seine sechs Saiten fielen und von dort tausendfach verstärkt aus den Lautsprechern heulten. Und jetzt? Auf was sollte man Wut haben, wenn man jede Woche über hunderttausend Scheiben verkaufte? Wonach sollte man sich sehnen? Geld gibt einem nur den Blues, wenn man es nicht hat. Sex sowieso. Aber etwas fehlte, trotzdem.
Er zog sich an. Er wollte jetzt doch etwas einkaufen für Natalie, aber ihm graute vor dem Gedanken, mit Mike und seinen Leuten durch irgendwelche Shops zu ziehen, im Schlepptau ein paar hundert Fans, die ihn vor Glück und Liebe zerquetschen würden, wenn sie nur an ihn ran kämen. Noch einmal ging er auf den Balkon,  winkte und lies sie aufkreischen. Sie sind wie Rinder, die losblöken, wenn der Bauer mit dem Futter kommt, dachte er.
Er öffnete die Tür zum Gang und sah hinaus. Ein islamisches Zimmermädchen mit Kopftuch war dabei, aus anderen Zimmern die Wäsche herauszutragen.
Willy B. ging zurück in sein Zimmer und überlegte, dann hatte er eine Idee. Er griff zu seinem Handy und rief Mike in der Halle an.
„Ruf mir eine Limousine auf halb eins vor den Haupteingang“, befahl er, „wir gehen einkaufen. Hast du genug Leute?“
„No problem“, sagte Mike.
B. legte auf und ging wieder auf den Gang.
„Hey you!“, rief er. Die Kleine mit dem Kopftuch drehte sich um. Er winkte sie heran. Sie kam eilfertig aber mit einem gewissen Misstrauen im Blick zu ihm.
Er wollte mir ihr reden, aber sie sprach kein Wort deutsch.
Sie deutete ihm zu warten, lief weg, und kam nach ein paar Minuten mit einer Kollegin zurück, die englisch verstand.
„Sind noch ein paar von Euch hier, die auch Kopftücher tragen?“, fragte er. Sie nickte. „Und, wollt Ihr euch ein ordentliches Trinkgeld verdienen?“ Wieder nickte sie.
Er ließ sie eine hellblaue Zimmermädchen-Kittelschürze in seiner Größe und ein Kopftuch holen. Die beiden, jetzt kichernd und längst nicht mehr misstrauisch, halfen ihm, den Kittel überzuziehen, banden ihm das Tuch tief in die Stirn. Er erklärte ihnen, was er vorhatte, und sie schnatterten aufgeregt über das Abenteuer, das ihnen bevorstand.
Als unten die Limousine vorfuhr, setzten sie sich in Bewegung. Er war nicht groß, die beiden nahmen ihn in die Mitte wie eine Freundin und legten die Arme um ihn. Sie nahmen den Aufzug bis zur Hotelhalle. Mit einem kurzen Blick sah er, dass Mike alle Hände voll zu tun hatte. Die Ankunft der Limousine hatte die Fans aufgeschreckt, die nun versuchten in die Halle zu drängen.
Inmitten seiner zwei neuen Kolleginnen drehte B. in Richtung Hintereingang ab. Kichernd liefen sie, von niemandem behelligt, bis zur vereinbarten Bushaltestation, warteten dort ein paar Minuten bis der Bus kam. Dann stiegen sie alle drei ein.  Die beiden fuhren nur eine Station weit mit. Er gab jeder von ihnen hundert Euro auf die Hand, als sie ihn alleine ließen, um zurück zum Hotel zu fahren.
Der Bus war fast leer. Willy B. saß in der hintersten Reihe und genoss seine Freiheit. Seine düstere Stimmung war verflogen. Dass er Mike und seine Leute und alle diese Kreischer genarrt hatte, machte ihm höllischen Spaß. Über sein Handy rief er Mike an und richtete ihm aus, er könne die Limousine wieder weg schicken oder selber mitfahren, er jedenfalls sei allein einkaufen gegangen.
Als sein Bodyguard anfing, ihn mit Ermahnungen zu überschütten, rief er übermütig „Ciao Mikey!“ und legte auf.
Er kannte die Stadt nicht, aber er hatte den Mädchen gesagt, sucht mir einen Bus, der aus der Stadt rausfährt, und so sah er, wie allmählich die bunten Fassaden grauer wurden, die Straßen enger und dunkler, die Fußgänger seltener. An einer einsamen Kreuzung stieg er aus. Er nahm das Kopftuch ab, zog sich, nachdem er sich vergewissert hatte, dass er nicht beobachtet wurde, den Kittel über den Kopf und stopfte beides in den Papierkorb der Bushaltestelle. Langsam lief er los. Es war ruhig hier draußen, kein Verkehr, kein Geschrei, keine Monitorboxen. Klack-Klack machten seine Cowboystiefel auf dem Kopfsteinpflaster. Zuerst ging er die Häuserzeile entlang, dann sah er am Ende einer Querstraße ein paar Bäume und bog dorthin ab. Es war kalt. Eine Jacke hatte er nicht mitgenommen, das wäre aufgefallen unter dem Kittel. Komisch, er konnte sich nicht erinnern, wann er in den beiden letzten Jahren jemals gefroren hatte. Wann immer es ihm irgendwo zu kalt war, sagte er nur ein Wort und es gab irgend jemanden, der Himmel und Hölle in Bewegung brachte, um es ihm angenehm zu machen.
So genoss er es sogar, zu frieren. Er genoss das Tschilpen eines Spatzes in den Parkbäumen, genoss seinen knurrenden Magen und das Gefühl, keine Ahnung zu haben, wo er war. Ich weiß nicht, wo ich bin, dachte er, aber ihr alle wisst es auch nicht – das ist doch wunderbar.
In vielen Fenstern sah er Weihnachtsbäume, beleuchtete Kränzchen, bunt blinkende Lichterketten. Kinder liefen dick eingemummt aufgeregt zwischen den Häusern hin und her, voller Erwartung, wie ihm schien. Jemand hatte ihm erzählt, das sie hier schon am Heiligen Abend die Geschenke bekämen, und er versuchte sich vorzustellen, was das eine oder andere Kind wohl unterm Baum finden würde.
Die meisten Passanten, die ihm begegneten, liefen achtlos an ihm vorüber. Manche jüngere drehten sich nach ihm um, aber nur einer sprach ihn ehrfurchtsvoll an. Willy B. verstand nur, dass er ein Autogramm wollte und er gab es ihm. Einzeln waren sie ungefährlich, einzeln waren sie nett und hielten ausreichend Abstand. Nur diese Meute war schlimm.
In einem kleinen Stehimbiss wärmte er sich ein wenig auf, trank einen Kaffee und aß zwei Hamburger. Die Kellnerin hatte ihn erkannt, legte eine seiner Platten auf, erzählte es anderen Gästen. Aber niemand wurde aufdringlich. Sie nickten ihm nur zu und ließen ihn ansonsten in Ruhe. Als er ging, signierte er eine Speisekarte mit Mary X-mas, Willy B., mehr wollte niemand von ihm.
Er lief weiter durch die Straßen. Wieder in einer belebteren Gegend erinnerte er sich daran, dass er ja eigentlich etwas für Natalie besorgen wollte. Aber alle Läden hatten schon mittags geschlossen. Er konnte unmöglich ohne Geschenk bei ihr auftauchen und gerade, als er darüber nachdachte, dass Mike es irgendwie arrangieren müsste, dass irgendein verdammter Laden noch mal für ihn öffnete, sah er im Fenster eines kleinen Juweliers noch Licht. Jeremias Blum, Goldschmied, stand in Goldlettern an der Scheibe, die Auslage ein Sammelsurium an Ketten, Ringen, Armbändern und Uhren, lieblos hingelegt und billig.
Er war, nach einem kurzen Blick auf die Auslage, weitergegangen, als die Tür geöffnet wurde, so als habe jemand direkt dahinter gestanden und die Straße beobachtet. Eine Stimme reif ihm etwas zu, was er nicht verstand.“
Als er sich umdrehte, nachfragte, „Pardon me?“, kam ein alter Mann aus der Tür und sagte: „We are still open!“
Zögernd lief Willy B. die paar Schritte zurück. „Nicht alles, was man anbietet, kann man in ein Schaufenster legen“, sagte der alte Mann in gebrochenem Englisch, als habe er Willys Gedanken erraten und wollte sich für seine ärmliche Auslage entschuldigen.
Sie betraten den Laden, der so duster war, dass Willy kaum den Stuhl sah, den ihm der alte Mann anbot. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, fand er sich in einem kleinen Raum, an einem Tischchen sitzend. Vorne stand eine Vitrine, spärlich bestückt mit Uhren und Ringen, weiter hinten war ein Durchgang, der mit einem purpurnen, dicken Vorhang verhängt war. Die rissigen Putzwände waren bis auf zwei eindringlich tickende Regulatoruhren kahl. Der alte Mann hatte ihm gegenüber Platz genommen. Er trug einen verschossenen, ehemals schwarzen Smoking mit Fliege, seine Haare waren silbern gelockt und länger, als man sie normalerweise in diesem Alter trug.
„Etwas für die Herzdame?“, fragte der alte Juwelier. Willy nickte.
„Für die Ohren, den Hals, die Arme oder die Finger?“, fragte der Alte und machte dabei, ohne Willy aus den Augen zu lassen, seltsame marionettenartige Handbewegungen, um die entsprechenden Körperteile anzuzeigen.
„Einen Ring,“ sagte Willy.
„Einen Hochzeitsring?“, fragte der Juwelier und grinste ihn dabei mit seinem fast zahnlosen Mund an.
Merkwürdig. Als Willy Nathalie vor ein paar Wochen verlassen hatte, um auf Tournee zu gehen, hatte sie beim Abschied ganz unvermittelt gefragt: „Heiratest du mich?“ Und Willy, fast erschrocken, hatte geantwortet: „Wer weiß?“ Aber ihre Frage war ihm in den ganzen Wochen auf Achse nicht aus dem Kopf gegangen.
Der alte Mann stand auf, holte aus der Vitrine ein Schächtelchen mit Ringen. Willy gefiel kein einziger. Ein paar weitere Schächtelchen folgten, aber er brauchte immer nur einen kurzen Blick um festzustellen, dass der Richtige nicht dabei war.
Er wollte schon aufstehen und gehen, da drückte ihn der alte Mann freundlich aber bestimmt zurück auf den Stuhl.
„Etwas Spezielles, ich verstehe!“, sagte er. „Sehen Sie mir in die Augen, junger Freund, gut so! Sehen Sie tief hinein, entspannen Sie sich. Wir werden jetzt den Ring finden, den Sie suche. Schließen Sie die Augen!“ Willy schloss die Augen und lehnte sich zurück. „Jetzt stellen Sie sich Ihr Mädchen vor. Was Sehen Sie?“ Willy brauchte eine Weile, aber dann konnte er Natalie vor sich sehen. Ihr lachendes, ein wenig scheues Oklahomagesicht, ihre Sommersprossen, ihren zarten Hals.
„Sehen Sie nicht nur aufs Gesicht“, sagte der alte Mann leise. „Sie soll die Hand heben ... sehen Sie ihre Hand?“
Willy B. nickte. Irgendetwas, das er von früher kannte, berührte ihn. Ein Gefühl stiller Sehnsucht. Ein Wissen um Unendlichkeit und Zeit. Aus einem verborgenen Winkel seines Gehirns sagte eine Stimme: „Mann, du sitzt hier bei einem alten Spinner, der mit dir irgendwelche Psychofaxen macht. Sieh zu, dass du Land gewinnst!“, aber er schob diesen Gedanken weit weg.
Natalie, ihr Lachen, ein Sommertag draußen in der Prärie, Wind und Sonne in ihren Augen. Zeit, die einen träge umfließt, wie beim Bad in einem seichten, warmen See. Und da hob Natalie ihre Hand, strich sich ihr rotblondes Haar aus der Stirn, ließ die Hand hinter ihrem Ohr liegen.
„Ja, jetzt sehe ich ihre Hand!“, flüsterte Willy euphorisch.
„Gut so!“, flüsterte der alte Juwelier zurück. „Siehst du den Ring?“ Vorsichtig, weil er wusste, er würde ihr Bild vertreiben, wenn er zu hektisch suchte, sah Willy an Natalies schmalen Fingern entlang. Was für wunderbare Hände sie hat, dachte er und er meinte plötzlich ihr zartes Streicheln am ganzen Körper zu spüren. Und da plötzlich sah er den Ring. Sie hatte ihn auf den kleinen Finger gesteckt. Willy B. schien er so deutlich, als hätte er diesen Finger ohne genau diesen Ring nie gesehen.
„Ich sehe ihn ganz genau!“, hauchte Willy, ängstlich, das Bild mit einem lauten Geräusch wieder zu vertreiben.
„Gut so!“, sagte der Alte. „Sieh ihn dir an. Sieh dir alles genau an. Lerne ihn auswendig, erkunde jede Ecke, jeden Radius, jede Farbe, jedes Glitzern. Saug das Bild in dich hinein, nichts von alledem darfst du wieder vergessen.“
Immer deutlicher wurde das Bild des kleinen Ringes. Willy B. konnte zwei Steine sehen, die wie ineinander gefügt aussahen und er prägte sich ein, welche Form und Farbe sie hatten. Dann zog Natalie den Ring ab und hielt ihn ihm direkt vors Auge. Auf der Innenseite konnte er eine undeutlich Schrift erkennen. Er bemühte sich, sie zu lesen. Da plötzlich fiel ein Lichtstrahl von der Seite auf die Gravur und er konnte sie entziffern: „Time in a time“.
„Time in a time“, flüsterte er, „dort steht ‚Time in a time’!“
„Gut so!“, sagte der alte Juwelier laut. „Jetzt komme zurück und wir machen uns an die Arbeit.“
Vorsichtig öffnete Willy B. die Augen. Was hatte der Alte gesagt, an die Arbeit?
„Ja“, sagte der Alte, als hätte er seine Frage laut gestellt, „wir haben ein gutes Stück Arbeit vor uns, wenn wir es richtig machen wollen. Komm mit, junger Freund.“
Er führte Willy durch den Vorhang in eine kleine Werkstatt und hieß ihn dort auf einem Hocker Platz zu nehmen.
„Wir werden deinen Ring jetzt schmieden!“, sagte er zu Willy, der ihn erstaunt ansah. „Du hast gesehen, was du suchst, also sag mir: Aus welchem Material hat er bestanden. War es Gold? War es Silber?“
Willy B. antwortete nicht. Er sah sich in der Werkstatt um. Ungezählte Werkzeuge hingen an allen Wänden, Feilen, Sägen, Meißel und viele, die er noch nie gesehen, deren Namen er noch nicht einmal gehört hatte. Vor ihm auf dem Tisch stand ein kleiner Schraubstock, dahinter Schachteln mit einer unübersehbaren Vielfalt von Ringrohlingen in allen Materialien und Größen.
„Woher wussten sie, dass ich den Ring sehen würde?“, fragte er schließlich.
Der Alte lächelte. „Du bist doch Künstler. Ein echter Künstler kann sehen, was er sucht. Und ein Künstler kann denen, die auch suchen, aber nicht sehen, zeigen, was er gesehen hat, verstehst du?“
Willy B. Hero schüttelte den Kopf.
„Deine Songs!“, sagte der Alte. „Mit ihnen zeigst du den Menschen etwas, was sie schon lange suchen, aber nie finden würden, nicht ohne dich. Nur du kannst die Musik sehen, die sie brauchen. Und nun hast du den Ring gesehen. Und wenn du ihn gesehen hast, können wir ihn auch machen – Gold oder Silber?“
Willy sah den alten Mann verwundert an. Meinte der das ernst. Meinte er wirklich, man könnte diesen Ring herstellen?
„Es war kein Gold, aber auch kein Silber. Es war dunkel, wie schwarz, aber man konnte Farben darin ahnen.“
„Titan“, sagte der Juwelier, „das wird nicht einfach. Titan wehrt sich beim Arbeiten, aber wir werden es schaffen!“
Er zog aus einer anderen Schachtel einen Rohling und hielt ihn Willy vors Auge.
„Ja“, sagte Willy, „genau so! Nur kleiner, viel kleiner. Sie trug ihn am kleinen Finger, und sie hat zarte Hände, fast wie ein Kind. Und da waren zwei Steine, sie sahen aus wie ineinander verschlungen und saßen auf wellenförmigen Linien, die …“
„Langsam, langsam, junger Freund“, sagte der alte Mann lachend, „erst bocken und scheuen, und dann los wie ein wilder Gaul. Wir haben Zeit, viel Zeit. Hier ist ein anderer Rohling, ist der klein genug. Gut! Und nun versuche mir die Grundform aufzuzeichnen …“
Gemeinsam tauchten sie ein, in ein ruhiges und friedliches Arbeiten. Willy beschrieb dem alten Jeremias was er gesehen hatte und Jeremias formte, feilte, bog und schliff.
Einmal, es muss schon am späten Nachmittag gewesen sein, denn es kam kaum mehr Licht durch das Fenster, gingen sie nach hinten in die Wohnküche des Alten. Er machte ein paar Brote zurecht und sie tranken eine Tasse dünnen Kaffee, stark genug, um wach zu bleiben, aber doch so schwach, dass die Finger nicht zitterten.
In dem düsteren Raum stand ein Sofa, ein Sessel, ein altes Radio, ein Büfett mit verziertem Geschirr und ein kleiner Tisch, auf dem ein Schachbrett mit einer unterbrochenen Partie lag.
„Lebst du ganz allein, Jeremias?“, fragte Willy B. Der Alte sah von seiner Tasse auf, dann nickte er.
„Meine Frau ist schon lange tot.“
„Oh! Tut mir leid. Keine Kinder?“
Der alte Goldschmied sah zu Boden.
„Ich habe einen Sohn“, sagte er dann. „Aber er ist auch ...“ er zögerte, „... er ist auch tot – so gut wie tot.“
„Was ist mit ihm?“, fragte Willy B.. Jeremias schüttelte, ohne ihn anzusehen, den Kopf. Er wollte nicht darüber reden. Schweigend tranken sie ihren Kaffee, schweigend aßen sie.
„Warum machst du das für mich, alter Mann?“, fragte Willy B. schließlich. „Ich bezahle es dir, bezahle es gut. Aber es ist nicht das Geld, da bin ich mir sicher.“
„Ich weiß es nicht, William. Weißt du, warum du Lieder singst?“
„Bei mir ist es das Geld, zumindest heute. Aber früher? Vielleicht hast du Recht, alter Mann. Vielleicht weiß man es einfach nicht.“
Gegen morgen tranken sie eine zweite Tasse Kaffee. Der Ring lag fertig auf der Werkbank vor Willy. Er betrachtete ihn ehrfurchtsvoll. Er sah tatsächlich so aus, wie der an Natalies Finger, nein, er war es. Das war der Ring, den er gesehen hatte. Er nahm ihn hoch und besah ihn genau.
„Time in a time”, murmelte er.
Jeremias nickte: “Du hast recht, es ist Zeit für die Gravur – was bedeuten die Worte?“
„Auch das weiß ich nicht!“, sagte Willy B..
Als die beiden eine Stunde später die Tür des kleinen Ladens öffneten, begannen gerade die Glocken zur Weihnachtsfrühmesse zu rufen. Willy wollte dem alten Juwelier die Hand zum Abschied reichen, aber der Alte zog ihn an sich und drückte ihn wie einen Sohn.
„Du hast meine Telefonnummer, Guitarman, ruf mich ab und zu an, ja?“
„Werde ich tun, old man. Und wenn du etwas brauchst …“
Der Alte schüttelte langsam den Kopf. „Du warst es, der etwas gebraucht hat!“
Langsam schlenderte Willy B., jetzt plötzlich unendlich müde, die stille Straße entlang, den Weg zurück, den er am Vortag gekommen war. Am letzten Glied seines rechten kleinen Fingers steckte der für ihn zu kleine Ring, und immer wieder hielt er die Hand hoch und betrachtete ihn. Er war unglaublich stolz, so stolz, wie er es nur einmal gewesen war, als sein erster Song auf Platte gepresst wurde. Ein paar Leute liefen in seine Richtung, es wurden immer mehr. Er merkte, dass sie alle auf eine Kirche zusteuerten. Einem plötzlichen Impuls folgend schloss er sich ihnen an, ließ sich von den Menschen durch die große, doppelflügelige Holztür in das dunkle Kirchenschiff schieben.
Er setzte sich in die letzte Reihe, ganz an den Rand und wartete. Er war lange in keiner Kirche mehr gewesen, und noch nie in einer außerhalb von Oklahoma. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er überhaupt noch nie eine so große Kirche gesehen, noch nie diesen seltsamen Duft gerochen, noch nie beobachtet, wie sich das matte Winterlicht in den vieltausendflächigen Glasfenstern in ein Wunder aus Farben und Strahlen verwandelte.
Und er hatte noch nie eine so große Kirchenorgel gehört. Er erschrak, als plötzlich, zum Anfang der Weihnachtsmesse, das Brausen von der Pfeifen auf ihn herabstürzte.
Nach einer Weile schloss er die Augen, hörte und fühlte nur noch die Musik, die in seinem Kopf Bilder entstehen ließ. Wieder sah er Natalie und er fühlte, ob der Ring noch an seinem Finger steckte. Er sah Natalie als kleines Mädchen, sich selbst als Schuljungen. Sie beide auf dem Weg zur Schule, eine staubige, unasphaltierte Straße, vorbei an Weidezäunen und endlosen Weizenfeldern. Natalie hob ihre kleine Hand vor seine Augen, und da war er, der Ring. Sie zog ihn ab und zeigte ihm die Gravur: Time in a time.
Und plötzlich fügte sich alles zusammen, plötzlich schien es ihm, als passe seine Zeit in diese große Zeit, die uns alle umgibt, als wachse der kleine William Herold und der große Willy B. Hero wieder zu einem einzigen Menschen zusammen, und leise begann er die Melodie der Orgel mitzusummen.

Das Benefizkonzert für die Straßenkinder Afrikas lief schon zwei Stunden, als mit großem Getöse der Hauptstar des Abends, Willy B. Hero mit seiner Band, angesagt wurde. Aber zur Verwunderung der zehntausend Zuschauer stürmten nicht fünf wilde Rockmusiker auf die Bühne, sondern Willy B. tauchte ganz allein im Kegel des Scheinwerferlichts auf, eine akustische Gitarre unterm Arm. Er setzte sich mitten auf die Bühne auf einen kleinen Hocker und wartete, bis das Kreischen und Johlen abgeebbt war. Dann sprach er leise ins Mikrofon: „Seltsame Dinge geschehen an so einem Weihnachtstag, wenn man sich Zeit und Ruhe nimmt, sie zu sehen und zu spüren. Lasst mich, bevor meine lauten Kumpel hier auftauchen, ein kleines Lied singen, was ich erst heute Mittag in meinem Hotelzimmer geschrieben habe..“
Und in die angespannte  Stille der Zehntausend hinein begann er seinen neuesten Song zu singen:
Time in a time, child in a man

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